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Die neue deutsche Kultur
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Günter Haberland


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Die neue deutsche Kultur, 08 Feb. 2009 15:31



Abwrack-Kultur
Von Rainer Hank

Sage niemand, Ulla Unseld-Berkéwicz lebe im Elfenbeinturm. Wenn die Chefin des Suhrkamp-Verlags jetzt mit ihrer Firma nach Berlin umzieht, dann schwimmt sie ganz und gar auf der Welle des Zeitgeistes dorthin. Und der heißt: mitnehmen, wo es etwas mitzunehmen gibt. Von Klaus Wowereit zum Beispiel, einem großen Kulturschaffenden in unserem Land, gibt es in der Hauptstadt eine "historische Immobilie in bester Lage". Petra Roth, in Sachen Kultur weniger berühmt als der Kollege in Berlin, will als Teilhalteprämie den Erhalt der Unseld-Villa in Frankfurt subventionieren, sofern der Verlag in Frankfurt mehr als ein paar Briefkästen hinterlässt.

Bezahlt wird das Förderprogramm übrigens pikanterweise beide Male vom hessischen Steuerzahler. Denn einen Berliner Steuerzahler gibt er per definitionem gar nicht: Die Bewohner der Hauptstadt erhalten ihre kommunalen Wohltaten via Länderfinanzausgleich aus dem Süden der Republik. Wen überrascht es da, dass Wowereit gewissermaßen habituell spendabler ist als seine Kollegen im Süden.

Im Vergleich zu dem gigantischen Finanzsegen, den es in diesen Krisenzeiten überall frei Haus mitzunehmen gibt, sind die Subventionen für Frau Berkéwicz allerdings nur kulturell interessant: Così fan tutte; Mitnehmen ist zum neuen Volkssport geworden. Oder anders gesagt: Allerorten erblüht eine neue Suhrkamp-Kultur, deren bestes Symbol die Abwrackprämie ist. Schon der Begriff weist auf den dekadenten Charme unserer Verschwendungssucht. Das staatlich verordnete Geldmitnehmen macht derart viel Spaß, dass die Leute sogar übersehen, wenn sie letztlich trotz Abwrackprämie mehr bezahlen, weil ihr Autohändler angesichts des Andrangs längst klammheimlich den Rabatt geschrumpft hat.

Allemal handelt es sich um das Geld anderer Leute, welches der Staat heute verteilt. Die meisten dieser Schuldner sind heute noch nicht einmal geboren; zur Strafe haben wir ihnen aber gerade verboten ("Schuldenbremse"), ihrerseits auf Kosten ihrer Nachkommen zu zechen. Schließlich reicht es, dass wir lustig auf Pump leben. Kein Wunder, dass die Stimmung (bislang) noch so gut ist. Die Berlinale hat anlässlich der Eröffnungsfeierlichkeiten das passende Motto ausgegeben: Wenn die Krise dazu nütze, jetzt wieder Förderprogramme für den deutschen Film in großem Stil aufzulegen, könne man eigentlich nichts gegen sie einwenden, meinte der Festredner.

Recht hat der Mann. Er ist in bester Gesellschaft. Geradezu elektrisiert zeigen sich landauf, landab alle Dorfschultheiße. Von Neuruppin (die Feuerwehr kriegt jetzt eine neue Wache) und Treskow (das Gästehaus wird neu angestrichen) bis nach Gauting nahe dem Starnberger See (hier war es immer schon nett; jetzt wird der Kindergarten auch noch energetisch saniert) tragen sie ihren Wettlauf um Fördermittel aus. "Ausschöpfen" heißt das neue Lieblingswort. Um nicht als Spielverderber dazustehen, hat ein Dorfvorsteher jetzt sogar eine Schule zum zweiten Anstrich vorgeschlagen, obwohl sie ihre Renovierung gerade hinter sich hat und ohnehin demnächst dem demographischen Wandel zum Opfer fällt und geschlossen werden muss.

Keynes (oder das, was heute von ihm übriggeblieben ist) verdirbt die Sitten und den Charakter. Ein ganzes Land (und vor allem seine Banker und Unternehmer) erfährt derzeit, dass es schneller und effizienter geht, Geld beim Staat abzuholen, als es selbst zu erwirtschaften. Politiker machen das Spiel bereitwillig mit und hoffen auf Dankbarkeit bei den Wahlen im Herbst. Hat sich die Mitnahmementalität (sie war ja immer schon da) erst einmal tief ins Gemüt gegraben, wird man sie nicht mehr los.

 
 
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